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Zu Besuch bei den Nagas

von Mehr Valerie Bold Produkt- und Projektmanager

17 Juni 2016

Projektmanagerin Valerie war gemeinsam mit Jörg, Produktmanager bei erlebe, in Indien unterwegs – und das nicht zum ersten Mal. Doch auch auf dieser Reise hat Valerie neue Seiten des vielseitigen Landes kennengelernt und für uns festgehalten.

Indien fasziniert mich – aber wie ist es wohl in Nagaland? Allein der Name klingt so gar nicht indisch, und was ich bisher gehört habe, fühlt es sich dort auch gar nicht an wie in Indien. Es ist die Heimat der Nagas, der früheren Kopfjäger, und das find ich sehr reizvoll, weil exotisch und fremd. Ich bin vor der Abreise also mehr als gespannt, wie es dort sein wird, ob es mir gefällt und was ich dort erlebe…

Mein Freund und ich legen unsere Reise extra so, dass wir in der ersten Aprilwoche in Mon sind und das Aoleang Festival miterleben können.  Die hier lebenden Konyak stoßen auf ein neues Jahr an und beten für eine reiche Erntesaison. Der Konyak Stamm gehört neben dem Ao, dem Lhota und anderen Stämmen zur Gruppe der Nagas. In ihrem Ursprung sind sie alle Kopfjäger. Einige Regionen wurden schon vor mehr als 100 Jahren christianisiert, aber die Region um Mon blieb lange unerschlossen. So haben die Konyak noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts in ihrer traditionellen Weise gelebt. Im Vergleich zu anderen Naga-Regionen bekommen wir deshalb beim Stamm der Konyak einen noch besseren Eindruck von ihrem Leben und ihren Gewohnheiten. Aber auch hier hält die Moderne Einzug.

Nagaland ist bergig und herrlich grün. In den kleinen Dörfern werden viele Häuser noch im traditionellen Stil gebaut.

Nagaland ist bergig und herrlich grün. In den kleinen Dörfern werden viele Häuser noch im traditionellen Stil gebaut.

Der erste Tag unseres Aufenthalts ist ein Sonntag – heute finden keine Feste statt; die Kirche verbietet es. Natürlich gibt es trotzdem genug in der Umgebung zu entdecken.  Rajan, unser großartiger Guide, bringt uns als erstes nach Hospiao, ein kleines Dorf nahe Mon. Es ist üblich, dass Besucher zuerst dem Chief „Guten Tag“ sagen. Ich hatte vorher auf der Straße in Mon schon einzelne alte Männer mit Gesichtstattoo gesehen und nun sitzen wir beim Chief und seinem Freund. Sie tragen ihre traditionelle Kleidung und beider Gesichter sowie teils ihre Brust sind mit Tattoos geschmückt. Ein Beweis, dass sie einst erfolgreich auf Kopfjagd gegangen sind.

Wir ziehen weiter zum Morong. Ein Morong ist ein Haus, in dem früher junge Männer einige Jahre zusammen gelebt haben, um  von den älteren Generationen zu lernen und gemeinsam das Dorf zu schützen. Heute wohnt niemand mehr im Morong, aber in vielen Dörfern ist es noch immer ein beliebter Treffpunkt, so wie hier in Hospiao.

In Hospiao treffen wir auf den Häuptling des Dorfes.

In Hospiao treffen wir auf den Häuptling des Dorfes.

 

Die Frauen des kleinen Konyak-Dorfes proben ihren Gesang und Tanz für das Festival am nächsten Tag.

Die Frauen des kleinen Konyak-Dorfes proben ihren Gesang und Tanz für das Festival am nächsten Tag.

Hier und jetzt bin ich echt überwältigt – ganz ungezwungen zwischen einem Dutzend Kopfjägern zu sitzen. Sie haben charaktervolle Gesichter, zerfurchte Hände, kauen Betelnüsse und tragen ihre traditionelle, bunte Kleidung. An dem Hut meines Sitznachbarn hängt eine Haarsträhne – das Haar der Frau, die er einst getötet hat. Die Kette mit kleinen, metallenen Köpfen um den Hals der Männer gibt Auskunft über die von ihnen getöteten Menschen. Ich zähle – bei den meisten sind es drei Köpfe, bei einigen vier. Mir gegenüber sitzt ein lachender Mann; seine Kette besteht aus fünf Köpfen. Das alles ist faszinierend und erschreckend zugleich. Die älteren Männer sind in ihren jungen Jahren tatsächlich noch auf Kopfjagd gegangen. Ja, das heißt wirklich, dass sie Menschen, meist in umliegenden Dörfern, getötet haben, um deren Kopf als Trophäe und Symbol der Fruchtbarkeit  mit nach Hause zu nehmen. Ich versuche, meine eigene Kultur und Erziehung auszublenden, um das besser zu verstehen. Heute ist die Kopfjagd verboten und auch die älteren Männer lehren ihre Kinder, dass das Töten falsch ist. Aber mir scheint, dass sie, auch wenn sie es heute ablehnen, noch immer stolz sind. Wir sind froh, dass Rajan bei uns ist. Er übersetzt all unsere Fragen und erklärt uns so vieles über die Konyak.

Im Morong unterhalten wir uns mit den Konyak über das heutige Leben in der Region.

Im Morong unterhalten wir uns mit den Konyak über das heutige Leben in der Region.

Es steht zwar fest, dass das Aoleang-Fest in der ersten Aprilwoche in verschiedenen Orten rund um Mon gefeiert wird, aber an welchem Tag wo ein Fest stattfindet, das ist oft bis kurz zuvor ungewiss. Rajan telefoniert und holt sich Tipps von seinen Bekannten. Tatsächlich fahren wir am nächsten Tag in das Dorf Totok Changha und besuchen dort ein Festival. Weder Rajan noch unser Fahrer Dillip kennen das kleine Dorf; dennoch finden wir schnell den Weg. Und schon stehen wir, unvermittelt, mit unserem Auto mitten auf dem Fußball- und Festplatz und werden von hunderten Augenpaaren neugierig beobachtet. Ok, das ist mir jetzt auch unangenehm. Aber in Null Komma Nix werden wir von den Offiziellen mit Handschlag und einem Freudestrahlen willkommen geheißen und sitzen auch schon neben ihnen auf der Tribüne. Wir sind sozusagen genau richtig zur Eröffnung gekommen; es geht direkt mit den Reden los. Was sie sagen, verstehen wir nicht, außer, dass wir mehrfach herzlich begrüßt werden. Für sie ist es eine Ehre, dass wir zu Gast sind, wo sonst nie Touristen hierher kommen. Dabei fühlen wir uns doch so geehrt, dass wir hier sein dürfen.

Für die Bewohner von Totok Chingha ist das Fußballturnier eines des Highlights.

Für die Bewohner von Totok Chingha ist das Fußballturnier eines des Highlights.

Eine Weile folgen wir dem unterhaltsamen Fußballspiel, das Teil des Programms ist. Wir schauen uns im Ort noch etwas um und treffen auf eine Gruppe älterer Männer, die tanzend und singend von einem Morong zum nächsten zieht. Wir folgen ihnen, beobachten ihre Tänze, lauschen ihren Gesängen und ihrem Spiel auf der Logdrum. Es ist schön zu sehen, wie die Männer versuchen, diese Traditionen aufrecht zu erhalten und ihr Wissen und ihre Bräuche an die nächste Generation weiterzugeben.

Für das Festival legen die Bewohner ihre traditionelle, reich verzierte Kleidung an.

Für das Festival legen die Bewohner ihre traditionelle, reich verzierte Kleidung an.

 

Während des Festivals spielen die Männer auf der Logdrum, die aus einem Baum geschnitzt ist.

Während des Festivals spielen die Männer auf der Logdrum, die aus einem Baum geschnitzt ist.

 

Die Männer von Totak Chiangha tanzen und singen, so wie vor hunderten Jahren schon, vor ihrem Morong.

Die Männer von Totak Chiangha tanzen und singen, so wie vor hunderten Jahren schon, vor ihrem Morong.

 

Der alte Mann selbst tanzt nicht mehr, aber er freut sich über die Aufführung der anderen und über das Foto von sich selbst, das ihm Jörg zeigt.

Der alte Mann selbst tanzt nicht mehr, aber er freut sich über die Aufführung der anderen und über das Foto von sich selbst, das ihm Jörg zeigt.

Ein junger Mann lädt uns zu sich und seiner Familie nach Hause ein. Zusammen trinken wir Tee, essen Kekse und quatschen über die alltäglichsten Dinge. Was sie arbeiten, wo sie studiert haben, was sie von ihrem Leben erwarten. Es herrscht eine vertraute Atmosphäre. Zum Abschied werden wir reich beschenkt. Mein Freund erhält eine Naga Dao, eine traditionelle Waffe; wir sind uns nicht sicher, ob wir sie durch die Gepäckkontrollen am Flughafen bekommen. Ich bekomme eine traditionelle, bunte Perlenkette. Aber das schönste Geschenk, das wir bekommen, ist die gemeinsame Zeit mit ihnen und der tiefe Einblick in ihre Kultur.

Zum Abschied gibt es natürlich noch ein Gruppenfoto. Jörg hält sein Geschenk, die Naga Dao, in der Hand.

Zum Abschied gibt es natürlich noch ein Gruppenfoto. Jörg hält sein Geschenk, die Naga Dao, in der Hand.


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