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Das Leben in Rio abseits der Copacabana

von Mehr Steffi Kaiser Reisespezialistin

14 Juli 2016

Reisespezialistin Steffi hat sich auf ihrer letzten Reise nach Südamerika auch die weniger touristischen Ecken Rio de Janeiros angesehen. Was Sie dabei über die berühmten Favelas gelernt hat und warum für sie der schönste Platz der Stadt genau hier liegt, erzählt sie uns in ihrem Blogbeitrag.

 

Rio de Janeiro – das ist Musik in den Ohren. Man denkt gleich an Samba, Caipirinha, die Copacabana und den Zuckerhut. Meine letzte Südamerikareise führte mich endlich auch einmal nach Rio und natürlich habe ich mir die eine oder andere Sehenswürdigkeit der Stadt auch angesehen.

Aber vor allem reizte es mich zu erfahren, wie die Cariocas – so nennt man die Bewohner Rios – in dieser Wahnsinns-Metropole leben. Womit verdienen sie ihr Geld, sitzen sie wirklich jeden Abend auf dem Aproador-Felsen und beklatschen die Sonne beim Untergehen? Und vor allem: Was hat es mit den Favelas auf sich? Sind sie nun gefährlich oder nicht? Sind es wirklich Armenviertel? Wer sind die Menschen, die in den Favelas leben und warum wohnen sie dort?

Ich habe lange überlegt, ob ich eine Tour in eine Favela buchen soll. Ich war etwas skeptisch und wollte auf gar keinen Fall eine Art „Armutstourismus“ betreiben. Im Nachhinein bin ich sehr froh mich dafür entschieden zu haben, denn der Besuch der Favela räumte mit einigen Vorurteilen auf und klärte viele Fragen.

Ich traf mich morgens mit meinem Guide Gabriel an einem Hotel in Copacabana. Beste Lage, nur einen Block vom wohl berühmtesten Strand der Welt entfernt. Gabriel war 26 Jahre alt und lebte seit seiner Geburt in der Favela Cantagalo-Pavão-Pavãozinho – ein Komplex, der genau genommen aus drei Favelas besteht und zwischen den beiden bei Touristen beliebten Vierteln Copacabana und Ipanema liegt. Von dem Hotel aus gingen wir etwa 200 Meter zu Fuß, überquerten eine Straße und – standen mitten in der Favela! Das war schon die erste Überraschung des Tages, denn ich hatte keinesfalls erwartet, dass die Favela so dicht am touristischen Zentrum Rios liegt!

Favela über Rio

Die Favela Pavão-Pavãozinho zwischen Copacabana und Ipanema

In die Favela hinein führte auch noch eine asphaltierte Straße. Links und rechts davon hieß es dann erst einmal Treppen steigen. Gleich am Eingang der Favela stellte mir Gabriel einen sehr muskulösen Mann in einem grünen Shirt vor, der auf einem weißen Plastikstuhl saß und so aussah, als würde er auf irgendetwas warten. Sein Name war Rocky und er war bekannt als der stärkste und wichtigste Mann der Favela. Er verdiente sein Geld damit, schwere Dinge jeglicher Art die vielen Treppenstufen hinauf oder auch runter zu tragen. Baute jemand ein neues Haus und brauchte Sandsäcke, rief man nach Rocky. Kaufte jemand einen neuen Kühlschrank oder musste jemand aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit nach unten getragen werden – man holte Rocky. Mir wurde schnell klar, dass man sich hier in der Favela mit der speziellen Bebauung selbst helfen musste. Von der Regierung wurde immerhin vor zwei Jahren ein kleiner Personen- und Lastenaufzug gebaut, der reicht aber bis heute nicht bis ganz nach oben.

Zusammen mit anderen Bewohnern Pavão-Pavãozinhos fuhren wir das kurze Stück mit dem Aufzug hinauf. Gabriel begrüßte jeden mit Handschlag – er war hier wirklich sehr bekannt – und stellte mich als „Bekannte“ vor. Natürlich wusste jeder, dass er heute mein Guide war und mir die Favela zeigte, dennoch war es ein angenehmes Gefühl. Die Menschen, die wir unterwegs trafen, waren alle sehr höflich und freundlich und interessiert daran, wer ich war und woher ich kam und freuten sich, dass ich mir anschaute, wie sie lebten. Genauso wie ich es auch in jedem anderen Teil Brasiliens erlebt habe – egal ob Favela oder nicht.

Ich lief mit Gabriel durch die vielen verwinkelten Gassen die Stufen hoch. Unglaublich viele Stufen. Bei knapp 40 Grad und einer enorm hohen Luftfeuchtigkeit eine schweißtreibende Angelegenheit! Aber da Gabriel hier jeden kannte, blieben wir häufig stehen und er stellte mir immer wieder Leute vor. João beispielsweise, den Ingenieur der Favela, von dessen Terrasse man einen Wahnsinnsblick über den Strand von Copacabana hatte. Oder Carlos Esquivel, genannt ACME – ein Künstler, der die Geschichte Rios und vor allem der Favelas auf den Häuserwänden verewigte. Er und seine Frau haben einen Gemeinschaftsgarten angelegt, der hoch oben über den Dächern Rios eine grüne Oase der Ruhe darstellte und jedem zugänglich war.

Bunte Häuserwände in der Favela

Bunt bemalte Häuser, Treppen und wirre Kabelläufe prägen das Bild der Favela

 

Ausblick auf die Copacabana

Blick von ACMEs Garten auf die Copacabana

Überhaupt herrschte eine unglaublich freundliche und familiäre Atmosphäre in Pavão-Pavãozinho. Man kannte und half sich hier und ich fühlte mich als Besucherin überaus willkommen. Zwischendurch hat mir Gabriel auch alle meine Fragen beantwortet und mir sehr viel drum herum erzählt:

Rio de Janeiro hat etwa sechs Millionen Einwohner und rund zwei Millionen davon leben derzeit in den etwa 700 Favelas, die es hier gibt. Derzeit gibt es wieder einen großen Zustrom in die Favelas, weil viele Brasilianer aufgrund der vorherrschenden Dürre aus dem Nordosten des Landes nach Rio kommen. Allerdings ist es keinesfalls so, dass die Leute hier in der Favela in totaler Armut leben. Sie zahlen genauso Miete wie andernorts üblich, manche auch für Strom und Internet. Allerdings ist die Miete hier natürlich deutlich geringer als die „unten“ in Copacabana oder Ipanema, wo sich kein „normaler“ Arbeitender eine Wohnung leisten kann, schon gar nicht für eine ganze Familie. Auch Gabriel teilte sich die Wohnung hier schon sein ganzes Leben lang mit seiner Mutter und seiner Schwester.

Von außen waren viele Häuser unverputzt und die wirren Kabelknoten über den Dächern machten einen abenteuerlichen Eindruck. Gabriel zeigte mir seine Wohnung aber auch von innen und dort unterschied sie sich in keinster Weise von europäischen Wohnungen. Das Wohnzimmer war gemütlich eingerichtet, alle Räume farbig gestrichen und der Fernseher vier Mal so groß wie meiner zu Hause. Über das Wohnzimmer gingen wir auf die Terrasse, die Platz genug für eine ganze Fußballmannschaft bot und von der man wieder einen grandiosen Blick auf das Meer hatte.

Ausblick auf Ipanema

Gabriel auf seiner Terrasse über den Dächern Ipanemas

Unterwegs trafen wir zwei kleine Jungs, etwa um die 6 Jahre alt, die auf dem Fußballplatz der Favela spielten. Gabriel fragte sie, warum sie nicht in der Schule seien, worauf einer der Jungs antwortete, es habe heute keine Schuhe für sie gegeben, weshalb sie heute nicht in die Schule gehen könnten. Gabriel schüttelte nur den Kopf und erzählte mir, dass er so etwas von Zeit zu Zeit zu hören bekäme und auch oft mit den Eltern spreche. Außerdem erzählte er mir, dass es zwar zwei Schulen in der Favela gebe, die meisten der Kinder aber in die ganz normalen öffentlichen Schulen in Copacabana oder Ipanema gingen, weil die deutlich besser wären. Er selbst hat sich übrigens selbst Deutsch und Französisch beigebracht, um solche Touren anbieten und im Tourismus Geld verdienen zu können. Nachmittags gab er kostenlosen Englischunterricht für die Kinder und Jugendlichen in der Favela.

Wir liefen noch ein Stückchen weiter treppauf, bis irgendwann die Häuser aufhörten und wir auf einem kleinen Wanderweg durch ein Stückchen Wald liefen. Bei der Hitze tat der Schatten der Bäume richtig gut! Nach dem kleinen Wäldchen standen wir dann auf der Bergkuppe über den Dächern der Favela am für mich schönsten Ort der Stadt! Hier oben hörte man nichts als das Zwitschern der Vögel, wir hatten einen spektakulären 360°-Blick über Rio de Janeiro und im Gegensatz zum Zuckerhut oder der Christusstatue waren wir hier ganz alleine! Wenn es nicht so unglaublich heiß gewesen wäre, hätte ich dort ewig stehen können…

Blick auf die Copacabana

Blick vom Gipfel der Favela auf die Copacabana

 

Blick auf die Lagune

Blick auf die Lagoa Rodrigo de Freitas

 

Blick auf die Berge

Blick auf den Morro dois Irmãos

Auf dem Weg nach unten besuchten wir noch eine Art Gemeindezentrum, in dem verschiedene kostenlose Kunst- und Sportkurse für die Kinder und Jugendlichen angeboten wurden, finanziert von einer europäischen Organisation. Hier gab es zum Beispiel auch Workshops, in denen die Kids lernen konnten, wie man Surfbretter baute und reparierte. Das große Ziel aller hier ist, den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, damit sie sich ihren Lebensunterhalt später mit vernünftiger Arbeit verdienen können und nicht auf die schiefe Bahn geraten. Bei der Gelegenheit habe ich Gabriel gefragt, ob er denn gerne aus der Favela raus ziehen würde, wenn er könnte. Seine Antwort? Ja, er wolle ausziehen, weil er mit 26 Jahren nicht mehr mit Mutter und Schwester zusammen wohnen möchte. Aber aus der Favela raus? Nein, das wolle er nicht. Hier lebe seine Familie, seine Freunde, die Kinder bräuchten ihn. Hier helfe man sich noch gegenseitig, „da unten“ denke jeder nur an sich selbst.


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