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Die Calle La Ronda – Das künstlerische Herz Quitos

25 September 2015

Noch steht das kleine Ecuador bei vielen Reisenden im Schatten seines großen Nachbarn Peru. Dies ist ein Vorteil für diejenigen, die sich dazu entschließen, eine Reise durch das kleine Andenland zu unternehmen. Denn so teilt man sich die stimmungsvollen Landschaften oder die kulturelle Vielfalt der Ecuadorianer mit weitaus weniger Reisenden als in vielen anderen Ländern. Die meisten Reisenden starten Ihr Ecuador-Abenteuer in der quirligen Hauptstadt Quito, bleiben aber meist nur ganz kurz dort. Vielen erscheint die 2-Millionen-Stadt zu groß und unübersichtlich oder ihnen fehlt einfach die Zeit. Wie in jeder großen Stadt, braucht man natürlich ein wenig Zeit, um sich im vermeintlichen Chaos zurechtzufinden. Doch einmal geschafft, kann man auf viele tolle, bekannte oder auch weniger bekannte Orte, in der kolonialen Stadt stoßen. Während meines 5-monatigen Praxissemesters habe ich Quito ganz besonders schätzen und lieben gelernt und dabei den einen oder anderen Lieblingsplatz für mich entdeckt. Einer dieser besonderen Orte ist für mich das „Barrio La Ronda“. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um eine kleine Gasse, die sich durch ein paar Häuserblocks am Rande des historischen Viertels Quitos schlängelt.

 

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La Ronda

 

quito-la ronda-klassischer Anblick

eine der ganzen besonderen Gassen im historischen Zentrum Quitos

 

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La Ronda aus der Vogelperspektive

 

Doch was ist so faszinierend an der schmalen „Calle La Ronda“, der viele Quiteños nachsagen, sie sei die älteste Straße Ihrer Stadt? Den einen Grund hierfür zu finden ist schwer. Denn fragt man die Leute, die entlang der Calle Juan de Dios Morales (so heißt sie offiziell) schlendern, hört man die unterschiedlichsten Beweggründe für ihre Begeisterung. Ich möchte Sie daher auf einen kleinen Spaziergang mitnehmen, Ihnen dabei von meinen Erlebnissen berichten und den ein oder anderen persönlichen Tipp mit an die Hand geben. Sollten auch Sie einmal „el corazón artístico“ („das künstlerische Herz“) Quitos aufsuchen wollen, dann sind Sie bestens vorbereitet.

Nur einen Häuserblock vom westlichen Ende der Plaza Santo Domingo entfernt, verbunden durch die abfallende Calle Guayaquil, stehen Sie bereits auf dem typischen Kopfsteinpflaster La Rondas. Um Sie herum schmücken farbenfrohe Blumenkörbe und bunte Fahnen die Balkone der weißen Kalksteinhäuser. Kaum vorstellbar, dass hier bereits vor über 400 Jahren die Quiteños samt Ihrer Wäschekörbe die Straße hinunterliefen um ihrer täglichen Arbeit am Pichincha Fluss nachzugehen, der heute in jener Form allerdings nicht mehr existiert. Wenn Sie heute so durch die Gasse, die sich links und rechts von Ihnen erstreckt, spazieren, fühlen Sie sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Um 1800 lebten einst Schriftsteller, große politische Persönlichkeiten, aber auch Künstler hier. Die Künstler sind bis heute hier. Doch das war nicht immer der Fall. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts lebten hier zahlreiche (Kunst-) Handwerker, Dichter, Musiker, Maler sowie Intellektuelle jeglicher Art, und La Ronda galt als „DAS Künstlerviertel des ganzen Landes“, wie mir Ricardo Parra in seinem Atelier „La Ermita“ erklärte. Doch gegen Ende des Jahres 2000 war das Viertel kurz vor dem Zusammenbruch: Drogenhandel und Prostitution drängten sich in den Vordergrund. Erst ein großes Restaurations-Projekt im Jahr 2006 verhalf La Ronda wieder zur neuen „alten“ Pracht. Ständig eröffnen neue kreative Handwerksläden oder Cafés und man riecht wieder einen Mix aus frischen Quesadillas, Empanadas und dem für Ecuador so typischen Heißgetränk Canelazo. Wenn Sie Glühwein lieben, laufen Sie am Abend einfach nach links oder rechts und Ihnen wird an jeder Ecke für keine 50 Cent ein kleiner Becher des alkoholischen Getränks aus Weinbrand, Zimt, Nelken und Naranjillasaft angeboten.

 

Panecillo

Der Blick auf den nahegelegenen Panecillo lohnt sich von hier aus

 

Um aber einen wirklich spannenden Einblick in die Welt der Exzentriker, Detailverliebten und Traditionsbewahrenden zu erhalten, müssen Sie sich durch die Tore trauen, denn Schaufenster suchen Sie in der alternativ geprägten Gasse vergebens. Denn wie es für die spanischen Kolonialbauten üblich ist, versteckt sich dahinter meist ein kleiner Innenhof, der Zugang zu den unterschiedlichsten kleineren Handwerksläden bietet. So zum Beispiel auch in der Casa 762, in der Luis Locas noch auf traditionelle Weise die typischen Hüte Ecuadors in seinem Handwerksladen Humacatama anfertigt. Für all diejenigen, die nicht nach Cuenca reisen, ein toller Ort, um sich einen traditionellen Panamahut zu kaufen. Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie sich die verschiedensten Künstler teilweise zusammengeschlossen haben und in einem der prächtigen Häuser gemeinsam Ihrer Arbeit nachgehen. Spielzeuge aus Holz oder Seifen aus Honig? So etwas finden Sie vermutlich nur hier in ein und demselben Gebäude.

 

Casa  762 La Ronda

Viele Handwerker teilen sich eine Casa, wie beispielsweise die Casa 762, in denen man nicht nur Sachen kaufen kann, sondern Sie auch erst einmal ausprobieren kann

 

Honig La Ronda

Im Api Real hat man sich auf Produkte aus Honig spezialisiert

 

Unter all den Handarbeiten mischen sich auch immer wieder verschiedene Leckereien. Im Chez Tiff Artesanal soll es unter Schokoladenfans die wohl leckersten Trüffelpralinen geben, während Sie bei einem kostenlosen Vortrag mehr über die Herstellung der teils 80%igen Schokolade erfahren können. Kostproben und fantastischer Kaffee tun ihr übriges um eine kurze Pause einzulegen. Und wer mehr auf „helado de paila“ steht, der probiert gegenüber eine der neuesten Eiskreationen der Panaderia San Juan. Das Besondere: Inhaberin Manuela Cobo und Ihr Team stellen alle Sorten noch auf die traditionelle Weise in einem drehenden Kupferkessel und einer mit Eis gefüllten Wanne her.

 

Chez Tiff Artesenal

Das Chez Tiff Artesenal in der Casa 989 ist berühmt für seine feine Schokolade

 

Kakao Ecuador

..und seine informative Präsentation über deren Ursprung und Herstellung in Ecuador

 

Wenn die Sonne pünktlich um 6 Uhr untergeht, dann strömen die verschiedensten Straßenkünstler in die romantische Gasse und erwecken La Ronda mit musizierenden und akrobatischen Aufführungen zum Leben. Und wenn Ihnen der Magen knurrt, haben Sie ehrlicherweise die Qual der Wahl. Entscheiden Sie einfach aus dem Bauch heraus und vielleicht stolpern Sie dabei ja auch über eine der XXL-Empanadas, wie sie meinen Eltern und mir im Canddyl de la Ronda serviert wurde.

 

Empanadas Quito

Zuversicht oder Skepsis? Die XXL-Empanada stellt so einige auf die ein oder andere ganz besondere Probe

 

Wie Sie merken, Interessantes zu entdecken gibt es also zu fast jeder Zeit im Barrio la Ronda, wobei es gegen Ende der Woche sowie an Freitag- und Samstagabenden wesentlich voller wird und mehr Läden Ihre mächtigen Holzpforten öffnen. An Vormittagen ist es hingegen schwer zu verstehen, warum unter den Einwohnern Quitos La Ronda mittlerweile als eine der geschäftigsten Straßen der Stadt gilt und sich sowohl bei Touristen als auch bei den Quiteños selbst großer Begeisterung erfreut. Für mich ist auch genau das das Besondere an der kleinen Gasse, da La Ronda nicht eine absolut typische Touristen-Attraktion ist, wie man sie aus vielen anderen Städten kennt. Natürlich sind die Preise hier höher, aber sie sind nicht unverhältnismäßig. Dafür können Sie am Abend einem der vielen Straßenmusikern lauschen, ein romantisches Abendessen bei lateinamerikanischer Livemusik genießen oder sich von den Einheimischen ein paar Salsa-Schritte beibringen lassen.

 

quito-la ronda-bei nacht

Gegen Abend strömen die Menschen nach La Ronda

 

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Straßenkünstler präsentieren ihre Kunst

 

quito-la ronda-strassenhandwerk

Aber die Gasse wird auch zur Werkstatt

Wer also ein wenig mehr Zeit auf seiner Reise durch Ecuador hat, dem kann ich beruhigt empfehlen, ein paar Tage länger in Quito zu verbringen. Denn nicht nur La Ronda ist ein spannender Ort, sondern weitere Orte, an denen Sie einen atmosphärischen Nachmittag beziehungsweise Abend verbringen können. Wie zum Beispiel der Plaza de los Colores oder im Stadtviertel Guapulo.

Möchten Sie Quito und seine Viertel auch mal erleben? Dann schauen sie sich mal unseren Reisebaustein in Quito an.

 

 


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